Fortsetzung über Tagung des HAST in Stettin:
Um 18 Uhr begrüßte uns die Vorsitzende Ursula Zander, gab wichtige Hinweise zum Ablauf der Veranstaltung und wünschte allen einen guten Appetit beim Abendessen. Um 19.30 Uhr zahlte jeder schnell seinen Teilnehmerbeitrag, und Peter Haese hielt seinen Lichtbildervortrag: „Rundgang durch Stettin in den dreißiger Jahren und heute“. Herr Haese
hatte die Bilder digitalisiert auf einer CD (Compact disk) und zum Zwecke der Vorführung einen funkenagelneuen Beamer angeschafft. Das war ein weiser Entschluss, denn mit einem Leihgerät hatten wir ein Jahr zuvor in Plöwen schlechte Erfahrungen gemacht. Der Beifall war dem Referenten sicher, jedoch müssen die begleitenden Worte des Vortragenden noch in irgendeiner Weise für die Nachwelt konserviert werden.
Am nächsten Morgen fuhren wir mit der Straßenbahn nach Kreckow zum Besuch des „Multinationalen NATO-Corps Nordost in Szczecin“. Der wachhabende polnische Soldat machte uns deutlich klar, dass das Fotografieren des Schildes mit dem Corpswappen am Eingangstor der Kaserne verboten sei. Am Kasernentor wurden wir dann von Oberstleutnant Ekkehart von Holtzendorff empfangen und zum Vortragsaum geführt. Er ist ein echter Pommer, Mitglied des Johanniter-Ordens, seine Familie wohnt in Pasewalk. Bis 1999 gehörte er dem deutsch-dänischen NATO-Corps an, dann wurde das Corps von Rendsburg zum polnisch-deutsch-dänischen Corps nach Stettin verlegt. Heute umfasst das Multinationale-Nato-Corps in Stettin elf Nationen. Vorgesetzter ist abwechselnd ein General aus Polen, Dänemark und Deutschland, wie uns Oberstleutnant Lothar Hoffmann in seinem Vortrag über die Tätigkeit des NATO-Corps erläuterte. Die Umgangssprache ist Englisch, jedoch unterhalten sich zwei Deutsche natürlich in deutscher Sprache. Jedoch ist es ein Gebot der Höflichkeit, beim Hinzutreten eines Angehörigen einer anderen Nation in die englische Sprache zu wechseln. Die NATO-Soldaten fühlen sich in Stettin sehr wohl, denn die Stadt bietet allerlei Abwechslung.
Anträge sind an das Corps-Kommitee bestehend aus Vertretern der drei führenden Staaten zu richten. Die daraus folgenden Befehle werden an den kommandierenden General (Command) gegeben, der die Befehle an die Vertreter der angeschlossenen Staaten weiterleitet. Das sind in Stettin neben den drei führenden Staaten noch Litauen, Lettland, Estland, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Rumänien und Slowenien. Das Personal besetzt 223 Dienstposten, das sind 193 Soldaten und 30 zivile Mitarbeiter. Durchschnittlich alle drei Jahre wird das Personal ausgewechselt. Im Jahre 2007 wurden 164 Personen nach Afghanistan versetzt.
Oberstleutnant von Holtzendorff berichtete anschließend über seinen Aufenthalt in Afghanistan und beschrieb zunächst die geschichtliche Entwicklung dieses Landes, das in zahlreiche Stammesgebiete zerfällt und formal von dem größten Stamm, den Paschtunen, regiert wird. 60 bis 80 % der Bevölkerung sind Analphabeten, etwa 90% der weltweiten Drogenanbaufläche befindet sich in Afghanistan. Fast alle Stammesfürsten sind in den Opium- und Heroinhandel verwickelt. Der Straßenverkehr auf den vielfach unbefestigten und im Gebirge häufig schmalen Straßen wird in Konvois abgewickelt. Der christliche Sonntag wurde auf den moslemischen Freitag verlegt, weil an diesem Tag die Arbeit ruht. 42 Nationen sind gegenwärtig in Afghanistan. Im Hauptquartier gibt General Mc Cristal an fünf Regionalkommandos seine Befehle, die wiederum 4 bis 12 Einsatzkommandos befehligen.
Am Nachmittag besuchten wir die Jakobikirche, die jetzt von allen Baugerüsten befreit ist. Die angekündigte Besichtigung und kunsthistorische Führung durch Propst Kacziekow musste leider ausfallen, weil der Pater in Österreich weilte. Ein dienstbarer Geist schloss jedoch die Tür am Südwestturm auf und setzte die beiden Aufzüge in Betrieb, so dass wir vom Fußpunkt des neuen Turmhelms aus in allen vier Himmelsrichtungen auf unsere Heimatstadt hinabschauen konnten. Anschließend besichtigten wir das Innere der Kirche und suchten gezielt das kunsthistorische Inventar aus deutscher Zeit, welches in der Evakuierung nach Hinterpommern oder der bombensicheren Unterbringung in Stettin den Großbrand am 6. Januar 1944 und den Volltreffer einer Sprengbombe am 17. August 1944 überstanden hat. Auch das Muzeum Narodowe w Szczecinie (ehemals Pommersches Landesmuseum) hat durch die Abgabe kirchlichen Inventars vieles zur Ausgestaltung der Seitenkapellen beigetragen. Nach der Reformation im Jahre 1535 waren die Seitenkapellen überwiegend ausgeräumt und als Familien-Begräbnisstätten bis 1943 genutzt worden. Während die Barockkanzel in Schwerinsburg in Vorpommern ein Opfer der Flammen am Kriegsende geworden sein soll, konnte der Hl. Jakobus als Kanzelträger und der Engel mit der Fackel auf dem Baldachin über der Kanzel vermutlich in Hinterpommern gerettet werden. Ungeklärt ist weiterhin der Verbleib des Bronze-Standbildes von Carl Loewe vor der Jakobikirche und des Marmorstandbildes von König Friedrich Wilhelm III. vor dem Stadttheater. Sie sollen den Bombenkrieg in Katakomben am Neuen Rathaus überstanden haben. Die Orgel und der Orgelprospekt sollen nach dem Kriege vermutlich von den Sowjets aus Nemischhof bei Neuwedell / Kr. Arnswalde als Beutekunst nach Russland verschleppt worden sein. Die Große Glocke von Lorentz Kökeritz aus dem Jahr 1681 mit ihrem reichhaltigen Zierrat war während des Krieges im nordwestlichen Turmfuß eingemauert und hat die Bombardierung der Jakobikirche dadurch überstanden. Sie befindet sich heute, in einem Holzgestell aufgehängt, außerhalb der Kirche an der nord-östlichen Seite der Kathedrale.
Nach dem Abendessen berichtete Detlef Kirchner über die britischen Vorbereitungen zum Luftkrieg gegen deutsche Städte, über die Flak-Abwehr in Stettin, über den Luftschutz, über die abgeworfenen Bomben und über die eingesetzten Flugzeuge.
Am Dienstag holten wir das Ehepaar Klesczewski vom Hotel Panorama in Podejuch ab und fuhren mit dem gemieteten Autobus nach Finkenwalde. Gleich hinter der Ortsgrenze bogen wir in den Grottenweg ein zur Grotte in Toepffer’s Park. Eine freundliche Gastwirtin ließ uns zur Besichtigung der als Festsaal gestalteten Grotte ein. Vor der Grotte war ein beachtlicher Betonbogen, mit dem früher gezeigt werden sollte, was man mit Beton alles bauen kann. Dieser Bogen hatte zu deutscher Zeit noch einen „kleineren Bruder“, der inzwischen aber abgerissen worden ist.
Weiter ging es über die Lange Straße und über den Katharinenhofer Weg zum Katharinenhof und zum Herthasee (heute poln. Smaragdsee). Dann ging es weiter auf der Langen Straße bis zur Waldstraße zum Standort des ehemaligen Predigerseminars Finkenwalde, wo Dietrich Bonhoeffer von 1935 bis 1937 gewirkt hat. Heute steht dort ein großes Holzkreuz und der Bauschutt sowie der verwilderte Bewuchs, den der Historische Arbeitskreis im Jahre 1996 noch sehen konnte, ist seit 2009 einer Grünanlage gewichen. Leider wird die Tafel mit dem Begleittext von Jugendlichen gern gestohlen. Und so war der Zustand auch bei unserem Besuch. Fährt man nun auf der Waldstraße zurück, gelangt man zur Gartenbauschule, die aus deutscher Zeit stammt und von den Polen wieder aufgebaut worden ist. Hier begrüßten uns die Deutschlehrerin als Dolmetscherin und der Schulleiter. Wir konnten den Gartenbau-Studenten bei der praktischen Arbeit in den Gewächshäusern zuschauen und uns von der modernen Anlage, weitgehend unter Glas, überzeugen. Wir mussten leider den interessanten Besuch wegen der knappen Zeit beenden und fuhren weiter über die Lange Straße und Hökendorfer Straße zu dem Hauptgebäude von Kinderheil an der Ortsgrenze von Finkenwalde. Weiter ging die Fahrt zum Buchheide-Krankenhaus am Mittelmühlenweg in Hökendorf. Hier, an der Wirkungsstätte von Dr. Manzke, dem Vater von Frau Klesczewski, hatte die Hausmutter einen Imbiss vorbereitet, obwohl uns die Zeit eigentlich fortgelaufen war.
Im Eiltempo fuhren wir über Buchholz nach Neumark und weiter nach Glien zum Soldatenfriedhof. Nach der Niederlegung eines Blumengebindes an dem großen Kreuz hinter den Gräberblöcken 5 und 6 erläuterte der Friedhofsverwalter Peter Nycz die Anlage, welche voraussichtlich im Herbst 2010 in eine „Kriegsgräberstätte“ umgewandelt werden soll. Inzwischen ist die Umbettung von 2116 Menschen, darunter 1001 Frauen und 377 Kinder, aus einem Massengrab unterhalb der Marienburg in Westpreußen nach Glien abgeschlossen. Da hier nun auch Zivilpersonen beerdigt worden sind, ist der Charakter eines reinen Soldatenfriedhofs nicht mehr gegeben. Damit besteht nunmehr auch die Möglichkeit, eine Gedenkstätte für die Toten der Vertreibungstransporte, die in Massengräbern auf dem Dorffriedhof von Scheune und rund um das Gut Scheune beigesetzt worden sind, zu schaffen. Herr Nycz ermunterte uns, erneut einen entsprechenden Antrag beim „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.“ zu stellen, nachdem auch Zivilisten als Kriegstote anerkannt werden. Das Informationsgebäude am Eingang könnte den Angehörigen der Toten von Scheune zukünftig ebenfalls für ein stilles Gedenken zur Verfügung stehen.
Nach dem verspäteten Mittagessen im Hotel „Panorama“, am Rande der Buchheide in Friedensburg gelegen und mit herrlichem Ausblick auf die Oderniederung, ging die Fahrt zurück nach Stettin zum „Stadthistorischen Museum“ im Alten Rathaus.
Dort besichtigten wir zunächst die Exponate aus den grauen Urzeiten Stettins und der weiteren Stadtgeschichte, um dann unter dem Dach des Museums zur Austellung „Hans Stettiner und JanSzczecinski – das alltägliche Leben im Stettin des 20. Jahrhunderts“ zu gelangen.Diese interessante Ausstellung bietet eine gute Übersicht über das alltägliche Leben der Stadt zu deutscher Zeit und der anschließenden polnischen Aera. Eine Fülle von Alltagszeugnissen aus allen Lebensbereichen ist dort sehr eindrucksvoll zu besichtigen.
Im „Stettiner Bürgerbrief 2010“, Seite 62-64 , ist eine detaillierte, aber auch kritische, Beschreibung dieser sehenswerten Ausstellung nachzulesen.
Nach dem gemeinsamen Abendessen im „Haus des Lehrers“ sprach Detlef Kirchner über die in Stettin und Pölitz an den Flakbatterien eingesetzten Luftwaffenhelfer. Zum Schutz der Industrieanlagen und des Hafengebietes waren auch auswärtige Schüler und Lehrlinge der Jahrgänge 1926 und 1927 zum Ersatz von Soldaten an den Flakgeschützen eingesetzt. Allerdings waren die meisten Luftwaffenhelfer nicht fähig, die Ladekanoniere an den Geschützen zu ersetzen, denn eine Granate wog im Durchschnitt 30 kg und musste mit Schwung in das im Mittel um 45° geneigte Geschützrohr geschoben werden. Für diese Tätigkeit wurden später hilfswillige russische Kriegsgefangene eingesetzt.
Am folgenden Mittwoch fand eine Zusammenkunft mit dem Pastor der Augsburgischen evangelischen Gemeinde, Slawomir Sikora, im Bonhoeffer-Haus an der Roonstraße statt. Pastor Sikora ist verheiratet mit der Theologin Izabela Sikora, sie haben zwei Kinder. Im Gegensatz zu Pastor Piotr Gaś, der zunächst unverheiratet als Vikar bei Pastor Gustaw Meyer tätig war und deshalb zum Erlernen der deutschen Sprache ein Jahr in Deutschland war, kam Pastor Sikora, verheiratet und mit einem Kind, auf eine freigewordene Pfarrstelle und musste diese sofort ausfüllen. Deshalb wurde das Gespräch überwiegend in englischer Sprache geführt, wobei Ursula Zander sich als Dolmetscherin betätigte. Pastor Sikora ließ anfangs durchblicken, dass er die deutsche Sprache in den meisten Fällen verstehen kann, jedoch kaum sprechen oder schreiben kann. Zu seinem Aufgabengebiet gehören neben der Kirchengemeinde in Stettin auch die Gemeinden in Treptow / Kr. Greifenberg und in Kloxin / Kr. Pyritz, die er mindestens zweimal im Monat aufsucht. Zum deutschsprachigen Gottesdienst kommen durchschnittlich 25 Teilnehmer. Als Nachwuchs betreut er etwa 40 Kinder. In Polen gibt es ungefähr 80 000 evangelische Christen und 104 evangelische Pastoren. Nach Deutschland hat Pastor Sikora gute Kontakte, besonders zu Pastor Ehricht in Greifswald und zu Pastor Riedel in Penkun. Auf Pastor Sikora wurde auf Seite 47, letzter Absatz des Stettiner Heftes Nr. 15 (Das Ende der Jakobikirche und der deutschen evangelischen Kirche in Stettin) hingewiesen, wo Pastor Dross am 24. März 1946 das komplette Pfarramt der Bugenhagengemeinde in der Kurfürstenstraße 7 Herrn Trojanowski von der Augsburgischen Kirche zu treuen Händen übergeben hat. Vermutlich befindet sich das Inventar dieses Pfarramtes heute beim Konsistorium in Warschau, es gehört jedoch unserer Meinung nach nach Stettin.
Nach dem Mittagessen im Restaurant am Glambecksee fuhren wir mit der Straßenbahn zum Berliner Tor und gingen zur „Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Deutschen Minderheit“ an der Grünen Schanze 19. Dort waren, wie auch sonst üblich, der Sedina-Saal liebevoll geschmückt und die Tische zum Verzehr von Kaffee und Kuchen reichlich gedeckt. Nach der Begrüßung durch den Bezirksvorsitzenden Krause sang der Sedina-Chor unter der Leitung von Brigitte Kipper Frühlingslieder. Nach der Stärkung mit Kaffee, Tee und Kuchen setzte Peter Haese seinen Lichtbildervortrag mit dem „Rundgang durch Stettin gestern und heute“ fort.
Mit einem gemeinsamen Abendessen im Restaurant „Alt-Stettin“ im Hotel „Viktoria“ endete die diesjährige Taguing des „Historischen Arbeitskreises Stettin“ in Stettin.
12. Mai 2010
Detlef Kirchner